Bericht eines Ex-Kiffers

Flame flies high as the celebration of Light is ending

Ex-Kiffer berichtet von der Lieblingsdroge der Schweizer

(Fortsetzung von Bericht eines Ex-Kiffers – zweiter Teil)

Ich, die grinsende Mumie

Zehn Tage nach dem letzten Joint sah ich um drei Uhr morgens einen Western mit John Wayne. Ein gewisser Wendepunkt. Wie er da gelassen diese staubige Strasse entlang ging, beeindruckte mich. Als hätte er nicht nur seine Feinde, sondern auch seine Dämonen besiegt. Hinterher ging ich hinaus und marschierte ebenfalls los durch leere Strassen, wie ein Mann, der noch einen kleinen Funken Hoffnung hat. Zunächst war es nur eine Simulation, aber bei Sonnenaufgang passierte etwas Erstaunliches: Ich spürte plötzlich wieder Boden unter den Füssen. Es war wie die Landung nach einem langen, verdammt schrägen Flug. Von da an liess das Tempo im Kopf etwas nach. Ein leiser Ansatz von Aufbruchsstimmung kam ins Spiel.

Ein alter Police-Hit

Wer regelmässig kifft, wird zur Mumie – eingewickelt in Hanf. Nichts kommt mehr wirklich ran. Das Manko wird durch ein reflexähnliches, dämliches Grinsen kaschiert. Meine Entmumifizierung startete ab Woche drei, Schicht für Schicht. Es waren zunächst Kleinigkeiten, die mich unerwartet tief berührten – einzelne Windböen, Regentropfen im Gesicht, lachende Kinder auf einem Spielplatz.
Ein alter Police-Hit im Radio streifte mich wie ein Strahl aus einem verlorenen Paradies. Beim Staubsaugen riss ich die Faust im Triumph nach oben. Keine Ahnung warum, nur so ein Verdacht, dass wieder alles möglich ist. Dass Blumen aus der Asche wachsen können. Dass ich doch kein Verlierer bin. Das Problem: Sekunden später konnte eine Monsterwelle kommen und alles verdunkeln. Dann war ich wieder überzeugt, unter einer Brücke zu enden oder in einem Vorstadt-Krankenhaus, umgeben von Zombies. Gott verzeiht, aber die Synapsen nicht.
Mitten in diesem Chaos feierte ich meine ersten Stunden richtigen Schlaf. Damit kam das nächste Problem: Meine Träume kehrten zurück, aber es waren keine netten Träume, sondern ultrarealistische Horror-Szenarien, die jeden Rahmen sprengten« Als würde ich ein hoch komprimiertes Nachbearbeitungsverfahren starten. Ich musste durch Labyrinthe ohne Ausgang, ich wurde von Tsunamis überrascht und von Yeti-Horden verfolgt. Ich küsste Frauen, die im nächsten Moment aussahen wie Hitler. Ich mietete Wohnungen, die sich als schlimmste Folterfallen entpuppten.
Aber zum Glück war ich nicht allein. Ich stiess im Internet auf ein Forum, in dem Hunderte Menschen beschrieben, dass es ihnen ähnlich ging – nach drei, zehn oder zwanzig Tagen ohne Stoff. Scham, Wut, Panikattacken, Herzrasen, Paranoia, die Wände hoch. Und alle erzählten sie die gleiche Geschichte – vom ersten Joint in ausgelassener Gesellschaft bis zu einsamen Exzessen weit nach Mitternacht. Aber tief drinnen hatten auch sie den starken Verdacht, auf einer elementaren Mission zu sein, nämlich zurück ins Leben. Noch während ich den Weg allmählich verstand, regte sich mein Selbstbewusstsein.
Es war in der sechsten Woche, als ich den Blick hob und wieder Frauen sah. Die Stadt war voll davon, und ich auf dem Weg zu einem Interview. Eine junge Schauspielerin. Es dauerte ungefähr zwei Minuten, und mein Herz lag neben dem Diktiergerät, hungrig wie ein Tier, das jahrelang nichts gefressen hat.
Wir trafen uns noch einmal und mein Turkey vermischte sich nahtlos mit einem einseitigen Liebeswahn. Ich erholte mich davon, indem ich meine Yoga-Einheiten verdoppelte und Projekte in Angriff nahm, die ich ewig vernachlässigt hatte: tropfende Wasserhähne reparieren, Fahrradreifen wechseln, mich dem Konto stellen, meine ganze Situation unter die Lupe nehmen.

Leider sah ich Dinge, die mir nicht gefielen:

Mein Freundeskreis war auf ein Minimum geschrumpft, meine Netzwerke nicht mehr vorhanden.

Auf der Couch hockte ein Mann, der zwar keine akute Sucht mehr hatte, aber auch keine Pläne und keinen Pensionsanspruch.

Darauf überkam mich das starke Bedürfnis, eine fette Tüte zu rauchen, um das alles zu vergessen, aber ich analysierte weiter, und begriff, dass es nur der erste Schritt ist, einer Pflanze zu entkommen.

Der zweite ist wesentlich schwieriger: die Persönlichkeit, die hinter dem Nebel auftaucht wie ein Geisterschiff und das ganze Denken in eine neue Umlaufbahn zu bringen. Gewohnheiten und Rituale abzulegen, die sich eingegraben hatten wie Flussläufe. Lernen, ohne Joint zu relaxen. Ohne Joint Musik zu hören. Ohne Joint an einem See zu sitzen oder in der Badewanne zu liegen. Vor allem lernen, die Leere zu überwinden, die sich auftut wie ein Abgrund, wenn man allein nach Hause kommt. Jeder ist damit konfrontiert, jeder geht damit anders um, manche bis ins Grab, durch Drinks, Fernsehen, Schokolade oder Pornos.

Gegen die Leere nach der Sucht gibt es nur zwei Strategien:

1. Neue Aktivitäten setzen, vor allem Sport, daran führt kein Weg vorbei.
2. Sich der Leere stellen. Sie einfach durchdrücken an Abenden, die scheinbar kein Ufer haben. Nur ich und meine Atemzüge.
So lief das, bis ich drauf kam, dass auch die Leere nur ein Irrtum ist, den man fühlt.

   Da existiert etwas in einem, das wie eine unlöschbare Flamme ist

– und dorthin geht die Reise.

Weil es dafür Geist und Stehvermögen braucht, brachte dieser Entzug letztlich meine besten Qualitäten ans Licht, aber es war Millimeterarbeit.

 

Künstliche Sonnen

Man muss auch wissen: Cannabinoide sind Öle, die sich in den Fettzellen des Körpers und im Gehirn ablagern. Es kann mehr als drei Monate dauern, bis sie endgültig aus dem System gespült sind. Länger als bei jeder anderen Droge.
Für den mentalen Entzug würde ich nach mehrjährigem Konsum fünf bis zwölf Monate veranschlagen. Ich bin jetzt am Ende des achten und danke mir jeden Morgen dafür. Ein neues Leben hat begonnen. Eine neue Realität, die ich über klare Entscheidungen steuern kann. Der Lohn sind Momente, in denen ich verdammt gut drauf bin. Nüchtern und glücklich, früher eine unvorstellbare Kombination, heute der ultimative Trip.
Auch die Ängste haben sich zum Grossteil verabschiedet. Das Kurzzeitgedächtnis schraubt sich wieder zur alten Form. Diese leidige Kiffer Soziophobie lässt mich endlich aus den Krallen. Man sieht mich wieder häufiger auf Partys, und jedes Mal, wenn ich den Geruch von Gras aufnehme, betrachte ich die Gruppe, in der gerade ein Joint die Runde macht. Ich sehe ihre glasigen Augen, ich höre das überdrehte Lachen, sogar die Anomalie-Schübe in ihrem Energiefeld nehme ich wahr. Künstliche Sonnen, die aufflackern und wieder verpuffen Und weil ich den Preis dafür kenne, bin ich danach wieder ein Stück mehr geheilt.

Gerhard Kummer

Soziophobie w [von latein. socius = gemeinsam, griech. phobos = Furcht], E social phobia, Furcht vor anderen Menschen bzw. einem Beobachtetwerden in der Öffentlichkeit
(aus: Lexikon der Neurowissenschaft)