Ein Ex-Kiffer warnt vor der Lieblingsdroge der Schweizer

Hört auf, Cannabis zu rauchen! Ein Ex-Kiffer warnt vor der Lieblingsdroge der Schweizer

Ein eindrücklicher Bericht aus der NZZ von einem Ex-Kiffer.

Ein Ex-Kiffer, der heute überzeugt ist, dass die vermeintlich harmlose Droge beinahe sein Leben zerstört hätte.

Die Legalisierung von Cannabis schreitet weltweit voran. Joints seien weit weniger gefährlich als der Alkohol, heisst es. Ein Ex-Kiffer widerspricht. Er ist heute überzeugt, dass die vermeintlich harmlose Droge beinahe sein Leben zerstört hätte.

Wie es bei mir losging? Mit einem Joint irgendwo in den Bergen. Samstagabend, vier 18-jährige Jungs mit Blick auf einen See – so weit es der Nebel im Wagen eben zuliess. Aber ich spürte nichts. Die anderen, mit Haschisch bereits vertraut, lachten sich halb tot über Kleinigkeiten. Über Scherze, die für mich keine waren. Am nächsten Wochenende fuhren wir wieder hinauf – und plötzlich lachte ich am lautesten. Endlich begriff ich den kosmischen Witz, der überall lauert, in jeder Geste, in jedem Gedanken, sogar im Handschuhfach. Ab diesem Tag erschien mir Alkohol wie ein Vorschlaghammer, verglichen mit dem 360-Grad-Feeling, das Haschisch im Bewusstsein etabliert. Der See leuchtete in der Abendsonne wie Gold. Alles leuchtete. Ich hatte eine Million Erkenntnisse zugleich, die letztlich auf eine hinausliefen: Dass ich mein Leben seit der Geburt viel zu ernst genommen hatte. Dieser Zustand war eindeutig besser und wesentlich breiter.

Hinterher ging es in die Disco, und der Sound hatte eine vierte Dimension. Auch der Heisshunger. Auf dem Rückweg stürmten wir in eine Nachttankstelle, die Candy-Bar. „Was für eine geniale Droge“, dachte ich am nächsten Morgen, ich hatte nicht den geringsten Kater.

So ging es los, das große Kiffen. Zuerst liess ich mich nur einladen.

So ging es los, das große Kiffen. Zuerst liess ich mich nur einladen.

Und auch das nur an Samstagen. Doch allmählich kamen die Sonntage dazu. Dann fing ich an, kleinere Mengen zu kaufen. Allmählich kam die Lust, auch an Wochentagen zu konsumieren, aber vorerst nur nach Einbruch der Dunkelheit. Bald fing ich an, mich schon ab Mittag auf die Abende zu freuen. Dann erweiterte ich den Begriff Abend auf den mittleren Nachmittag. Ein paar Monate später sass ich bereits ab und an mit einem Spliff beim Frühstück und grinste mit geröteten Augen meine Freundin an. Aber hey, mein Leben lief erfolgreich und easy, ich fand sogar: genau deswegen. Schreiben und Haschisch? Als wäre das Gehirn mit Nähmaschinenöl abgefüllt. Ich schrieb Sätze, die mir unbekifft nie eingefallen wären. Auch Pingpong klappte exzellent. Einäugiger unter Blinden Irgendwann war ich bei vier, fünf Joints täglich. Gab es ein Problem, dann rauchte ich erst mal einen. Rauchen, relaxen und in aller Ruhe darüber nachdenken. Das funktioniert. Man fühlt sich wie ein Einäugiger unter Blinden. Blöderweise denkt man immer häufiger in aller Ruhe nach und raucht noch zwei dazu. Man wird auch richtig gut darin, die ungelösten Probleme zu verdrängen. Nach aussen hin merkt das keiner, es sei denn, die Pizzaschachteln stapeln sich zur Decke. So einer war ich nie, aber Kiffen wurde meine Braut. Es wurde irgendwann wichtiger als ein Kuss. Wichtiger als Beziehungen. Wichtiger als Sex und wichtiger als Liebe. Judith war die Erste, die meinte: «Ich glaube, du bist süchtig.» «Unmöglich, das macht nicht süchtig»,erwiderte ich und gab mir Feuer. Phase drei. Wenn nichts zu Hause war, wurde ich ziemlich unruhig und sorgte schleunigst dafür, dass wieder etwas zu Hause war. Innerhalb von Stunden. Schlechtes Dope, gutes Dope, feuchtes Gras – ganz egal, Hauptsache, zurück in die kleine Fruchtblase, denn genau das will ein Kiffer. Er sucht das Dauerticket in die pränatale Geborgenheit, weil alles andere ihm langsam zu anstrengend wird. So dreht sich das Spiel. Anfangs geht es ums Öffnen, um den Spass, um Austausch und Magie. Aber eines Tages stellst du fest, dass du von der Welt nichts mehr wissen willst. Dass du nicht mehr einschlafen kannst, wenn in der Schatulle keine Krümel liegen und der letzte Joint zu schwach war. Dass du Leute kennst, die in der gleichen Falle sitzen, aber nach zwei, drei Spliffs zu Reggae Dub mit dir darüber lachen. Dass du deine Freunde genau dann besuchst, wenn dein Vorrat zu Ende ist. Wenn es sein muss, auch mitten in der Nacht: «Kannst du mir mal mit einem kleinen Piece aushelfen?» Sie konnten, denn sie kannten das Problem. Ironischerweise war es ein Dealer, der mir vor Jahren riet: «Lass die Finger davon. Das Zeug scheint harmlos, aber ihr habt alle keine Ahnung.» Ich hatte bereits eine und versuchte, aufzuhören, irgendwann sogar täglich, aber spätestens am Abend dachte etwas in mir, dass es dafür eigentlich keinen Grund gibt. Absolut keinen. Und verglichen mit Leuten, die regelmässig ihr Bierchen brauchen, fühlte ich mich nach wie vor auf der sicheren Seite. Einmal schaffte ich ganze drei Tage, einen einzigen Joint zu rauchen. Ich musste, denn ich hatte einen Job im Ausland. Es wurden drei sehr nervöse Tage und drei Nächte ohne Schlaf. Bei der Rückkehr kiffte ich das Dreifache. Ich war inzwischen Hardcore-single und alle Frauen mindestens 30 Lichtjahre entfernt. Am Telefon kam ich zwar noch halbwegs gut rüber, aber mein Selbstbewusstsein als Mann lag am Boden. Wenn ausnahmsweise einmal ein Date lief, fühlte ich mich wie ein Gartenzwerg und wollte möglichst schnell wieder weg, um einen durchzuziehen. Meine heimliche Braut war fett, dominant und eifersüchtig geworden.

Haschisch ist keine Droge, die dich zügig ruiniert. Man kann damit über Jahrzehnte funktionieren, aber die Gefahr im Hintergrund wächst. Und sie ist subtil, denn du spürst das Messer nicht, in das du läufst.

Keine Träume mehr – subtil wie ein Messer, das man nicht spürt.

Du kriegst nachts keine Träume mehr mit, und deine wachen Stunden rieseln wie Sand durch die Finger. Deine Emotionen werden zu Nebelfeldern und deine Sehnsüchte zu Sümpfen. Du bist wie ein Pfeil, der im Kreis fliegt, weil deine Ziele verschwinden. Wie Odysseus, der nicht mehr reisen will, sondern nur noch auf dieser Insel herumhängt. Das «falsche Glück» nennen die alten Jamaikaner diesen Zustand. Genaugenommen ist es eine künstliche Überstimulation von sogenannten Glückshormonen, unter anderem Serotonin und Dopamin. Lässt die Wirkung nach, fällt der Level in den Keller, und du musst dich wieder hochrauchen. Wer das chronisch betreibt, kommt aber irgendwann nicht mehr sonderlich hoch. Das High wird zur kurzen Erleichterung in einem Dauer-Down. Am Schluss kiffte ich nur noch gegen Kiffer-Depressionen.

 

Und schliesslich kam das Ding, das mich weckte. Gras im Klo Die Nummer mit Süchten läuft so: Entweder leitet man selbst Gegenmassnahmen ein – oder sie werden eingeleitet. Sei es durch eine Psychose oder durch die Tatsache, dass man sich nicht mehr zum Briefkasten traut. Oder durch eine grosse Liebe, die für immer im Treppenhaus verschwindet. Bei mir war es eine sensationell günstige Wohnung in bester Lage und mit Blick über Wien. Klingt banal, aber so etwas findet man kein zweites Mal. Der Jackpot für einen Freiberufler. Ich hätte nur noch unterschreiben müssen. Stattdessen hing ich in meinem zweitklassigen Apartment herum und ging fiktive Einrichtungs-Varianten durch. Tagelang, wochenlang, so tickt die Uhr auf Haschisch. Du schiebst Entscheidungen wie Bugwellen vor dir her. Als ich schliesslich anrief und den Vertrag wollte, war die Wohnung längst vergeben. In dem Moment traf es mich wie ein Blitz. Plötzlich sah ich mein ganzes Leben in einem Zug, der schon lange abgefahren war, während ich am Bahnsteig stand und nur noch hinterherwinkte. Eine üble Vision. So übel, dass ich mein letztes Gras im Klo hinunterspülte.

Damit ging es los, das große Aufwachen. Cannabis-Entzug, gibt es das überhaupt? Nun, ich hatte mit einigen unruhigen Tagen gerechnet, aber keinen Schimmer, was mich erwartete. Es ging am zweiten Abend los: Als würden sich fünfzig Löcher gleichzeitig im Unterbewusstsein öffnen – und alles kam hoch. Das unterdrückte Psychomaterial von Jahren. Tonnen aufgestauter Ängste und Gefühle. Da war nichts zu bearbeiten oder zu kontrollieren. Nicht einmal stillsitzen war drin, ich sass wie auf Granaten. Ich ging Schneisen in den Parkettboden. Ich brüllte und stöhnte. Ich winselte vor der Zimmerpalme und bettelte Vergebung für jeden falsch gelebten Tag. Es waren vor allem die Bilder, die mich zerlegten. Bilder von früher. Meine verrauchten Träume. Galerien verpasster Frauen und Chancen. Unsägliche Peinlichkeiten, die ich stoned geliefert hatte. Unzählige Geldscheine, die ich an dubiosen Ecken losgeworden war. Und mit jeder nüchternen Stunde sah ich mehr von diesem Drama. Es gibt ein Wort für diesen ganzen Prozess: Fegefeuer. Und ja, ich brutzelte ordentlich. Schlaf? Vergiss es. Nachts schoss mir der Schweiss aus den Poren und ich stand alle zehn Minuten aufrecht im Bett. Tagsüber wurde ich zum Ablenkungsjunkie. Mein Gehirn lief, als hätte jemand Bremsen ausgebaut. Beim Zeitung lesen schnupfte ich ganze Seiten, merkte mir aber keine Zeile. Beim Duschen war ich schon halb auf der Strasse. Beim Einkäufen hätte ich die Leute treten können, sie wirkten wie Büffel in Narkose. Wie ich wirkte, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass ich den dumpfen Willen hatte, meine Existenz zu retten.

Gerhard Kummer, NZZ am Sonntag, 9.12.2018